Am Anfang sind mehr rote Sonnenschirme im Geretsrieder Biergarten anwesend als Sozialdemokraten, aber dann kommen doch noch um die 60 Freibiergäste zusammen, und es wird ein ganz schöner Nachmittag für Franz Maget, 49, den Spitzenkandidaten der bayerischen SPD. Anderswo als hier in Oberbayern sagt er zur Vorsicht dazu, wer er ist. In einigen Winkeln der Oberpfalz und Ecken Unterfrankens hat sich halt noch nicht herumgesprochen, um wen es sich bei diesem meist verständig lächelnden, nickelbebrillten Mann handelt, der bei fast 500 Auftritten vorstellig wird für das Amt des Ministerpräsidenten. „Da kann man Sachen erleben, die glaubt man nicht!“, hat Maget neulich einmal erzählt.
Da saß er im Bayernzimmer des Münchner Landtages und war guter Dinge, obwohl ihm jüngst zurückliegende Besuche hie und da im Bayerischen Wald schon einmal deutlich gezeigt hatten, wo die Grenzen der SPD im Freistaat liegen. In den Umfragen liegt sie zurzeit bei knapp über 20 Prozent – das wären acht weniger als bei der letzten Landtagswahl. Die CSU, heißt es aus denselben Quellen, steuere unterdessen auf ein Ergebnis jenseits der 60 zu. Aber Franz Maget will kämpfen. Wenigstens das.
Der Nachmittag in Geretsried ist auch insofern von vorneherein erfreulich, als der Kandidat sich kurz zuvor im zum Landkreis gehörigen Wolfratshausen ins Goldene Buch der Stadt eintragen durfte, und das Allerschönste bei der Sache war, sagt Maget, dass ein Sozialdemokrat im Rathaus hinter ihm gestanden habe. Der Sozialdemokrat war der Rathausboss. Er sitzt jetzt mit am grünen Biertisch und trinkt Alkoholfreies: Bürgermeister Reiner Berchtold galt vor fünf Jahren bei den Wahlen in Edmund Stoibers Heimatstadt als so genannter Verlegenheitskandidat. Am Ende wurde er auch zu seiner eigenen Überraschung Bürgermeister. Mittlerweile hat er sich an das Amt gewöhnt, wie die Menschen sich umgekehrt daran gewöhnt haben, von einem Roten regiert zu werden. Berchtold ist beliebt.
Rein in die Partei, raus aus der Partei
Die SPD in Bayern hat einige von diesen Berchtolds, die beweisen, dass sie etwas können, aber es sind natürlich vergleichsweise wenig. Die anderen sind immer „die Mehrern“, wie man in Oberbayern sagt. Sie sind überlegen. Sie waren schon immer wer.
Fabian Ritter von Xylander, 42, ein großer, blonder Mann, ist mit einigen solchen Gewinnern zur Schule gegangen. In seiner Klasse und jahrgangsmäßig über und unter ihm drückten die Strauß-Kinder die Bank: der Max, der Franz Georg und die Monika. Der Älteste war Schülersprecher, und die Mutter Marianne Strauß hat dann zur Abitur-Feier das Büfett spendiert. Auch Franz Josef Strauß saß bei der Feier dabei, damals war er gerade Kanzlerkandidat, und es wimmelte nur so von Schutzbeamten, auch an normalen Schultagen, wie Fabian von Xylander erzählt: „Weil es unpassend gewesen wäre, wenn der Politiker das Wort ergriffen hätte, hat dann damals der Rektor in Straußens Sinne gesprochen, also gegen die Gesamtschule und gegen die hessische Schulpolitik und so weiter und so fort.“
Xylander hat diese Szene nicht vergessen, wie er überhaupt eine Menge Erinnerungen hat an Momente, in denen er so etwas spürte wie die „Arroganz der Macht“. Geblieben ist ihm das Gefühl, dass man dagegen etwas unternehmen müsse. So ist er denn nach dem Zivildienst eingetreten in die SPD, hat geschafft und geackert, einen Ortsverein gegründet 40 Kilometer südlich von München, wo er seit seinem zwölften Lebensjahr wohnt, ist in den Landesvorstand der Partei gekommen – und wieder ausgetreten. Das war 1999, als die Bundesregierung beschlossen hatte, Soldaten ins ehemalige Jugoslawien zu schicken.
Zwei Jahre später ist der nicht ganz fertig studierte Jurist und ausübende Musiklehrer für Zither und Hackbrett wieder Mitglied in der SPD; heuer tritt er an auf der Liste 2, Platz 28 im Großwahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen. Fabian Ritter von Xylander ist der Gegenkandidat von Edmund Stoiber. Zu gewinnen gibt es da nichts, aber wenn es nach Xylander geht, dann möchte er wenigstens die rote Laterne abgeben. Garmisch hatte das schlechteste SPD-Ergebnis bei den letzten Landtagswahlen, das zweitschlechteste war in Tölz-Wolfratshausen, 14,6 respektive 16,8 Prozent.
Auf Xylanders Wahlplakat sieht man einen Mann, der die Brille abnimmt und im Augenblick der Aufnahme nach unten guckt. „Genauer hinschauen“ steht daneben. Der Mann sieht irgendwie müde aus, mag sein, es kommt vom Hinschauen. Fabian von Xylander hat immer sehr genau hingeschaut, wenn es um Politik ging. Wenn er dann öffentlich machen wollte, was die Mehrheit gerne vermauschelt gehabt hätte, wenn es ums Geld bei der Bebauung gegangen ist oder das Eintrittsalter in den Kindergarten, hat man ihn oft als Querulanten bezeichnet.
Auf dem Parkplatz vor dem Biergarten in Geretsried ist jetzt Dog Dancing angesetzt, Lorenz mit Timmi und Nadja mit Heiko, organisiert von den Hundesportfreunden Königsdorf. Xylander und Maget erheben sich. Warum auch nicht Dog Dancing, „für das Programm der SPD“, sagt Franz Maget ein ganz klein wenig resigniert, „interessiert sich ja sowieso kein Mensch“. Dann muss der Landkreiskandidat den Spitzenkandidaten begrüßen. Er macht das im Heimatdialekt, aber nicht verzwungen. „Vor fünf Jahren war’n mir fünf Jahre jünger“, sagt Xylander, „aber jetzt san mir fünf Jahr’ gscheiter.“ Geändert hat sich dennoch nicht viel. Der Stimmkreis ist im Zuge der Wahlkreisreform maßgeschneidert worden für Stoiber, das noch schwärzere Garmisch-Süd ist dazugekommen. Die CSU unter 60 Prozent zu bringen wäre ein schönes Ziel, sagt Xylander.
Mittlerweile steht Franz Maget, im kurzärmligen Hemd, vor den Leuten und spricht von der Seele der Partei. „Die haben wir nie verkauft“, ruft er in seinem Großstadt-Bairisch. Mit Tradition allein jedoch, das weiß er, ist heutzutage kein Blumentopf mehr zu gewinnen, vielleicht auch nicht mehr mit dem Begriff Sozialismus, und so arbeitet die personifizierte Freundlichkeit Maget redlich Aktuelles ab – ein bisschen Bildungspolitik, ein wenig Gewerbesteuer. Maget weiß, dass die Macht ganz weit weg ist. Wenigstens die Möglichkeit, die Macht zu kontrollieren, möchte er aber als Fraktionsvorsitzender behalten, und, wenn es geht, ein Fernsehduell mit Stoiber haben. Er wird es nicht bekommen.
Ohnmacht also wäre das Stichwort. Dem Kreistagsabgeordneten Xylander fällt einiges dazu ein am nächsten Tag, letzten Mittwoch, vorne im Bus, der ein Häuflein Interessierter von Wolfratshausen nach Rosenheim bringt, wo der Kanzler Gerhard Schröder als Helfer auftreten wird.
Er freut sich gerade darüber, dass er mit seinem Hinschauen am Ende oft Recht behalten hat. Gegen die Mehrern. Dass die aber „oft auch gute Politik machen, zum Beispiel eine exzellente Strukturpolitik, die von uns sein könnte“, sagt er selbst. Sowieso würde Bayern ja nicht gänzlich auf den Kopf gestellt, sollten Sozialdemokraten hier jemals wirklich etwas zu sagen bekommen.
Andererseits sagt Xylander, seien es gar nicht mal immer die Zustände selber, sondern oft der fehlende Zusammenhalt in der eigenen Partei, weswegen die Sozialdemokratie in Bayern nie auf einen halbwegs blühenden Zweig komme.
Er nennt ein Beispiel, der Wahlkreis sei ja wurscht, wo die Alt-68er wegen der Frage, ob ein Frauenhaus sein muss, die noch Älteren in der Partei praktisch hinausgebissen haben. „Dann war die Solidarität dahin, und der Ortsverein praktisch erledigt. Manche gehen noch zu den Grünen, andere in den Frust.“ An Nachwuchs mangelt es der bayerischen SPD eh. „Das Problem mit der gesellschaftlichen Überalterung haben wir als Partei schon lange“, sagt Xylander.
Der Allmächtige teilt aus
Am Abend in Rosenheim dann hält Franz Maget, der auch gekommen ist, seine beste Rede seit langer Zeit. Er ist kein Agitator, ziert sich aber nicht, der CSU einige ihrer größten Verfehlungen der letzten Jahre vorzuhalten: die Kirch-Pleite ist eine davon. Aber Maget spricht auch von sich. Von sich als Katholik und von sich als Mann aus einfachen Verhältnissen. Maget ist studierter Sozialwissenschaftler, vor allem jedoch ist er Praktiker. Die Münchner Arbeiterwohlfahrt hat er Anfang der 80er Jahre einmal aus der Insolvenz gerettet, danach ist er zwei Jahre lang zu Hause geblieben und hat das erste Kind der Familie aufgezogen: „Wer daheim bleibt“, sagt Maget, „ist kein dummes Heimchen.“ Der Kanzler steht daneben und grinst.
Als der seinerseits zu reden beginnt, zeigt gleich der erste Satz, wie weit der Bundesvorsitzende der SPD manchmal von der Basis entfernt ist. Schröder entschuldigt seine Verspätung mit den Worten: „Weil mir ein Flugzeug kaputt gegangen war, musste ich mit dem Hubschrauber kommen…“ Mein Flugzeug, meine Partei, meine Regierung. Es gehört Gerhard Schröder eine Menge in diesem Land, so hat es den Anschein, und spätestens seit diesem Abend weiß auch Maget, wie das ist, wenn der Allmächtige rhetorisch austeilt. Magets friedlichen Vorstoß, die Bundesregierung möge doch bitte die Sorgen der Kommunen ernst nehmen, kontert Schröder mit einem anfänglichen „Lieber Franz“ und einer folgenden Belehrung. Zwar sagt Schröder, „dass jetzt ein großes Gespräch in unserem Volk beginnt“, legt aber auf Zurufe zur Gesprächsordnung keinen großen Wert.
„Das sind so Situationen“, sagt Fabian von Xylander auf der Heimfahrt in einem Bus voll mit enttäuschten Gesichtern, „da überlegt man sich doch, die ganze Sache hinzuwerfen“. Doch Fabian Ritter von Xylander wird weitermachen, kopfschüttelnd mitunter, schließlich hat er die Laterne, und er war zwar nie Soldat, ist aber stets Partei: Gegen die Mehrern.
Quelle: Der Tagesspiegel, 01.09.2003