Dietramszell - Fabian von Xylander ist zu Scherzen aufgelegt. „Wir rollen das Feld von hinten auf”, sagt er. Die Pointe bereitet ihm offensichtlich Vergnügen: „Erst Ypsilanti, dann Xylander – Deutschland geht auf XY-Kurs.”
Es ist zwei Tage nach der Landtagswahl in Hessen, die der SPD mit ihrer Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti ein lange verschüttetes Triumphgefühl beschert hat über Roland Kochs CDU. Was Xylander meint: Dem CSU-Kandidaten Martin Bachhuber bei der Landratswahl am 2. März ein ähnliches Schnippchen zu schlagen, wäre ein tolles Stück. Sein Motto: „Wir haben eigentlich keine Chance. Aber sie war nie so groß wie diesmal.” Der SPD-Bewerber, der zum dritten Mal antritt, geht noch weiter. „Beim ersten Mal habe ich elf Prozent der Stimmen erhalten, beim zweiten Mal 22, und jetzt . . .” – dreiunddreißig? – „. . . peilen wir 44 an”. Xylander grinst: „Noch ist Bachhuber nicht Landrat.” Fast klingt es drohend.
Die SPD zeigt sich offensiv gutgelaunt dieser Tage, der Name Ypsilanti wird noch öfter fallen im Gespräch. Er steht symbolisch für die frische Zuversicht der SPD, ein Code für nahende Wahlerfolge. Die Zuneigung der männlichen Genossen zu ihrer Frontfrau geht so weit, dass ein Parteifreund Xylander vorschwärmte, das wäre doch eine zum Heiraten. „Wegen des Doppelnamens könnt’ man sich’s fast überlegen”: Xylander-Ypsilanti. Der 47-Jährige schmunzelt. Vor dem Haus parkt ein roter Volkswagen mit dem Kennzeichen TÖL – XY 60 (Xylanders Geburtsjahr). Der Kandidat steuert schon auf XY-Kurs.
Dietramszell-Erlach, ein Weiler auf halbem Weg zwischen Baiernrain und Otterfing. Seit fast 30 Jahren lebt Xylander hier in seinem über 300 Jahre alten Bauernhaus. „Wenn Sie es sehen, erkennen Sie es”, hat Xylander gesagt, „eine blaue Tür, davor steht ein Container”. Es ist Nachmittag, die Sonne scheint, Raya, eine französische Berger-de-Picardie-Hündin, empfängt den Gast mit neugierigem Bellen. Auf dem Kaffeetisch liegen sechs Stücke Gebäck. Xylander will seine Ziele vorstellen. Vier Stunden nimmt er sich dafür Zeit. Seine Aufmerksamkeit wird keine Sekunde nachlassen.
Die politischen Positionen sind bekannt. Auf zwölf Seiten fasst die SPD ihr Kommunalwahlprogramm zusammen, das in vielen Punkten dem Vorgänger ähnelt. Einheitliches Tarifsystem für den Öffentlichen Nahverkehr, Ausbau von Krippen und Ganztagsschulen, nachhaltige Wirtschafts- und Umweltpolitik. Auch der Gegner kann sie auswendig aufsagen. Was aber treibt einen, der Französisch spricht wie seine Muttersprache, hierher in die Provinz?
Die Großmutter habe das Haus vor 60 Jahren als Wochenend- und Feriendomizil gekauft, bis seiner Mutter 1972 die doppelte Haushaltsführung zu viel wurde und die Familie mit den drei Söhnen von München aufs Land zog. „Versuchsweise”, sagt Xylander und lacht: „Der Versuch hat nie geendet.” Hinter ihm lagen sechs Jahre auf der französischen Schule in München, prägende Jahre, denn dort habe ein Klima geherrscht, das „frei von Autoritätshörigkeit” gewesen sei, wo Streitkultur gepflegt wurde. Was danach kam, bezeichnet Xylander politisch gesehen als seine „Schicksalsjahre”. Zur siebten Klasse wechselt er aufs Dante-Gymnasium. Der Gegensatz hätte kaum krasser sein können: Die Strauß-Kinder gehen dort zur Schule, die Elternbeiratsvorsitzende heißt Marianne Strauß, zur Abiturfeier des ältesten Sohnes Max 1979 erscheint Patriarch Franz-Josef, damals Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Union, persönlich. „Der Schulleiter war stramm linientreu”, erinnert sich Xylander. Für einen wie ihn, der die intellektuelle Weite sucht, muss die Atmosphäre beklemmend gewesen sein.
Es war die Zeit von Anti-Atomkraft-, Friedens- und aufblühender Umweltbewegung. Spannende Zeiten für einen jungen Mann mit einem (er)wachen(den) politischen Geist. 1980 trat Xylander der SPD bei, weil die Partei ihm als Wahrerin von Demokratie und Frieden erschien. Der stärkste Auslöser, sich zu engagieren, kam aus der Familie. Über Generationen waren die Xylanders Offiziere, der Letzte, sein Großvater, sei „ein strammer Nazi” gewesen. Ein Onkel, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 17, kehrte als Krüppel vom Schlachtfeld zurück. Xylander muss sich kurz sammeln, als er dies erzählt. Seine Brüder und er verweigerten den Wehrdienst.
Dass ausgerechnet Rot-Grün den ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr im Kosovo-Krieg beschloss, war für Xylander vor diesem Hintergrund „untragbar” – Ende der Neunziger verließ er die SPD. Den Schritt hätten selbst Gegner „konsequent” genannt. Doch Xylander merkte, dass ihm etwas fehlte. „Ich habe nach meinem Austritt noch mehr an der Partei gelitten, als wenn ich selber etwas mitgestalten kann.” Doch darin liegt die Crux der hiesigen SPD, Xylander weiß das. „Wenn ich unbedingt etwas hätte werden wollen, hätte ich zur CSU oder zu den Freien Wählern gehen müssen.” Deren Kandidaten besäßen als Bürgermeister einen Amtsbonus und hätten die Möglichkeit, mit Steuergeldern viele Menschen zu erreichen. Trotzdem schloss er sich wieder der SPD an. „Ich gebe die Sachpolitik nicht auf”, auch wenn das bedeute, „hartes Brot” zu essen und „dicke Bretter” zu bohren. Einen „Überzeugungstäter” nennt Xylander sich selbst.
Deshalb sitzt er seit 24 Jahren im Gemeinderat, klebt Plakate, redigiert die Mitgliederzeitung, bastelt an der Homepage. Was man eben tut, wenn man im Kreistag nichts gegen die Übermacht der CSU ausrichten kann und die Unterstützung aus den eigenen Reihen eher symbolisch ist. „Die Personaldecke ist dünn”, gibt Xylander zu, Gerhard Schröders Sozialpolitik sei „nicht spurlos an der Partei vorübergegangen”. Nur noch 300 Mitglieder zählt die SPD im Kreis, das profilierteste ist Xylander, danach kommt wenig. Er selbst würde das nie sagen. Lieber spricht er von „optimaler Zusammenarbeit” mit der Kreisvorsitzenden Gabriele Skiba, vom „leisen”, aber verlässlichen Reiner Berchtold, und der guten Mischung auf der Liste. „Unter gehen wir nicht”, sagt Xylander.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Wehrdienstverweigerer den Eindruck des pflichtbewussten Parteioffiziers erweckt. Xylander gefällt diese Ironie. „Meine Freundin hat mir schon öfter vorgeworfen, dass ich etwas Soldatisches hätte.” Über die Jahre hat er sich damit Respekt erarbeitet. Die Konkurrenten Bachhuber oder Niedermaier (Freie Wähler) – „der eine hat ein CSU-Logo, der andere nicht”, beschreibt Xylander den Unterschied – bescheinigen dem ehemaligen Zither- und Hackbrett-Dozenten, stets gut vorbereitet zu sein. Gönnerhaft findet er dies und freut sich diebisch über Ausbrüche etwa des scheidenden Amtsinhabers Manfred Nagler, der ihn einmal angebrüllt habe: „So werden Sie nie Landrat!” Xylander begreift dies als Kompliment: „Sie werden von der SPD und mir nicht verlangen, dass wir dieses Politikverständnis teilen.” Er werde nicht mit markigen Sprüchen den Haudrauf spielen. „Das kann nach hinten losgehen, siehe Koch.” Der hessische Populist, der immer von „Frau XY” sprach, war Ypsilantis bester Wahlhelfer.
Wer in die bayerische SPD gehe, um Karriere zu machen, sei fehl am Platz, sagt Xylander ganz ohne Ironie. Er selbst betreibe Politik aus Leidenschaft. Die Arbeit als Musiklehrer sei Broterwerb gewesen. „Aber so richtig der Gaul geht mir bei der Politik durch.” Immer wieder nehme er sich vor, im Gemeinderat einmal nichts zu sagen. „Und dann sage ich doch wieder etwas.”
Es ist Abend geworden, der Container vor dem Bauernhaus ist in der Dunkelheit versunken. Raya, die französische Schäferhündin, hat aufgehört zu bellen. Und wenn er wieder nicht gewählt wird? „Werde ich nicht verzweifeln”, sagt Xylander. „Realistisch gesehen wäre eine Stichwahl ein Riesenerfolg.” Seinen Slogan „Den Neuanfang wählen!” will er als „Doppelbotschaft” verstanden wissen: „Die Wähler müssen auch was tun.” Nach vier Stunden verabschiedet sich Xylander: Gemeinderatssitzung. Es gilt, Deutschland auf XY-Kurs zu bringen.
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Quelle: Süddeutsche Zeitung, SZ-Landkreisausgaben, Wolfratshausen, Dienstag, 21. Februar 2008